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Diesen Morgen war der erste Gegenstand, welcher meinen Augen erschien, Dein
Brief; welch' süßes Erwachen verdanke ich Dir! Wie sollte ich den
tröstenden Engel meines Daseins nicht mit enthusiastischer Verehrung
lieben! Wenn ich Dir häufig schreibe, so ist dies natürlich, denn Du
bist die Seele meiner Seele, das Wesen des Schicksals, in welchem sich alle
meine Empfindungen konzentrieren; aber Du, deren Augenblicke eine Menge
Pflichten und angenehme Zerstreuungen in Anspruch nehmen, wenn Du mir
schreibst, so ist es eine Wohltat, ein Opfer. Deine Ahnungen sind in
Erfüllung gegangen.
.. Meine geliebte Freundin, die Kräfte der
Sympathie, welche die Ahnungen und die Träume einflößen, die
die Zukunft voraus sagen, sind abwechselnd in verschiedenen Jahrhunderten, als
wichtige, zu ergründende Wahrheiten betrachtet worden, oder als
verächtliche Vorurteile; ich glaube dass sie "Nicht Ehr' im
Übermaß, nicht der Verachtung Blick," verdienen; aber dass sie
häufig, sehr häufig, vorzüglich bei nervösen und sehr
reizbaren Personen, oder solchen die von einer heftigen Leidenschaft beherrscht
werden, einen merkwürdigen Charakter der Wahrheit annehmen. Ich erfahre
dies seit einiger Zeit an mir; und da Du mir sagst, dass Du auch ein
merkwürdiges Eintreffen Deiner Träume, Deines
instinktmäßigen Voraussehens und der darauf folgenden Ereignisse
bemerkt haft, so nehme ich keinen Anstand, Dir die meinigen mitzuteilen, und Du
wirst sehen, dass wachend oder träumend Du die Beherrscherin meines
Herzens bist. Angebetete Alma, diese so große, so leidenschaftliche
Liebe, welche mich an Dich fesselt, ist an und Für sich eine
Verwirklichung meiner Vorgefühle. Als ich anfing mich zu kennen, mir
bewusst wurde ein geistiges Leben zu führen, war das Ideal der
Vollkommenheit das vorherrschende Streben meiner Seele. Zu lebhaft
empfänglich für seine zartesten Schattierungen wünschte ich es
in allen Dingen; es war der Hebel und die Qual meiner Tage; kaum glaubte ich es
erreicht zu haben, als es mir entschlüpfte, denn ein einziger Fehler
reichte hin, den Gegenstand, der mich anzog, in meinen Augen zu verdunkeln, und
die Täuschung, welcher ich mich hingab, verschwand augenblicklich, indem
sie mein Herz derselben unersättlichen Glut zum Raube ließ.
Entmutigt durch diese Irrtümer, weder in mir noch in Anderen das findend,
was mich befriedigen konnte, überließ ich mich bald einer
vollkommenen Sorglosigkeit, bald den Vergnügungen ohne Wahl und Zweck. Ich
suchte auch in den schwierigen Beschäftigungen des Studiums die unruhigen
Impulse meines Geistes zu beschwichtigen; ich habe Alles versucht, ausgenommen
den Ehrgeiz, denn ich fühlte mich zu stolz, um den üblen
Nachgeschmack zu ertragen, den er mit sich führt. Aber unnütz waren
meine Anstrengungen; ich begegnete nur der Unzulänglichkeit, um das
Begehren meiner Seele zu erfüllen, und doch hatte ich ein Vorgefühl,
dass es auf der Erde einen Gegenstand geben müsse, der meinen
Wünschen entsprechen könnte. Ich gefiel mir darin, mir in Gedanken
ein bezauberndes Bild, mit den verführerischsten Formen der Schönheit
geziert, zu erschaffen; ich begabte es mit den süßesten
Eigenschaften des Herzens; ich schmückte es mit den reizenden Talenten,
welche das Genie verleiht. Ein einziges Mal erschien es mir in einem
aufgeregten Traume und machte auf mich einen tiefen Eindruck, der erweckt
wurde, sobald ich einige Züge jenes Werkes meiner Einbildungskraft zu
erkennen schien; aber bald entdeckte ich Unvollkommenheiten, welche seinen Reiz
zerstörten; Du allein, meine Alma, Du so vollkommen, so ohne Gleichen, Du
haft jenes Bild der ganzen Schönheit in mir verwirklicht. Jeden Tag finde
ich Dich der Liebe mehr wert; die Vorsehung hat Dich aus den vortrefflichsten
Elementen gebildet, ohne irgend eine Beimischung, welche den Reiz
schwächen könnte. Du vereinigst Alles, was meinem Herzen, meinen
Leidenschaften, meiner Vernunft schmeicheln kann: eine bewunderungswürdige
Schönheit, an deren Reinheit auch kein einziger Makel haftet; eine
himmlische Sanftmut, eine zauberische Hingebung, mit deren entzückender
Wollust Nichts verglichen werden kann; einen edlen Charakter, einen lebhaften
und glänzenden Geist, ein erhabenes Genie und das Wunder des einzigsten,
lieblichsten, äthcrischten Talents von dem die Einbildungskraft
träumen kann; Alles in Alma, in Alma allein, hat meine Wünsche
übertroffen: jene unvergleichliche Vereinigung der seltensten
Eigenschaften, ich habe sie gesehen, ich habe sie gekannt, ich habe ihre Wonne
empfunden; und dann bist Du verschwunden, und ich bin hier, wie jene
Verdammten, welche aus dem Himmel in den ewigen Abgrund gestürzt sind.
Seit jener Zeit zieht jeder Augenblick meines Daseins (dies ist kein
übertriebener Ausdruck, sondern die genaueste Wahrheit) meine Gedanken zu
Dir hin. Abwechselnd von den Qualen der Reue, des vergeblichen Verlangens, der
Ungeduld und der Verzweiflung verzehrt, erliege ich dem Drucke des Schmerzes,
aber ich segne Deine Reize; sie haben meine Seele mit einem reinen Lichte
erhellt; ich verdanke ihnen die süßesten Augenblicke meines Lebens,
deren Andenken in meinem Herzen herrscht, und mich gegen jede andere Freude
gleichgültig macht.
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