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Meine teuere Alma! eine höhere, unüberwindliche Macht fesselt mich
hier. In der Zeit der Unruhen, worin wir uns befinden, werden die allgemeinen
Maßregeln, welche die Regierungen zu nehmen sich genötigt glauben,
da sie nicht durch Ausnahmen modifiziert sind, für eine große Zahl
von Individuen, zu unersetzlichem Trübsal; eine dieser unglücklichen
Maßregeln versetzt auch mich in die grausame Unmöglichkeit Dir zu
folgen; ich zweifle daher, ob ich mich dafür bestimmen werde, M..., selbst
nur auf kurze Zeit, zu verlassen, diese Stadt wo ich Dich gekannt habe, wohin
Du zurückkehren sollst, wo Deine Familie wohnt; Erinnerungen und
Hoffnungen, Alles hält mich hier zurück. Wenn ich nach anderen Orten
ginge, so würde es mir scheinen, als entfernte ich mich noch weiter von
Dir. Dein Schützling ist gestern mit Erfolg aufgetreten; wer Dir aber
sagt, dass sie Dir ähnlich, ist im Irrtum. Nein, Niemand gleicht meiner
Alma; dieses bezaubernde Lächeln, dieser so sanfte, so geniale Blick,
stets im Einklänge mit den Bewegungen des Herzens; diese so feinen
Züge, diese vollendeten Formen und diese engelgleiche Seele, welche das
Ganze belebt, das findet man nicht zweimal. Ich bin diesen Abend in der Oper
gewesen, obgleich seit Deiner Abreise das Theater, statt mich zu zerstreuen,
mich unangenehm berührt; Alles scheint mir dort düster,
abstoßend oder lächerlich. Der Tanz macht vor Allem einen
schmerzhaften Eindruck auf mich; meine Alma allein weiß daraus eine
göttliche Kunst zu machen, indem sie eine unvergleichliche Grazie mit
einer blendenden Kraft, und entzückende Gesichtszüge mit dem Takt
vereinigt, welcher das Schöne erraten lässt, und Alles zu vermeiden
weiß, was sich davon entfernt. Meine Alma ist aber auch ein
eigentümliches Wesen, um so anziehender durch ihre Vollkommenheiten als
Künstlerin und Weib, als sie dieselben aus sich selbst entwickelt, und
Niemandem nachahmt. Ich suche in der Vernunft, in meinen Betrachtungen,
Kräfte, um meine Lage mit Ruhe zu ertragen, aber die Lehren der Erfahrung
dienen dem Leben des Herzens gar wenig; ein Blick, ein Wort von Dir, haben den
Lauf der meinigen gänzlich verändert. Es gab eine Zeit, wo
enttäuscht von der Welt, Nichts einen wahrhaften Reiz für mich hatte;
glaubte nicht mehr an das Glück, ich setzte keine Hoffnung in die Zukunft;
Deine geliebten Lippen haben mir angedeutet, dass mich noch ein weit
süßeres Glück erwarten könnte, als ich jemals
gewünscht hatte. Du hast mein Dasein erneuert, und Du bist dessen
angebetetes Ziel geworden. Ich versuche die heftigen Besorgnisse, welche mich
bestürmen zu entfernen; eins vor allen verfolgt mich ohne Unterlass: es
ist die Furcht, dass Du ein Engagement eingehen könntest, welches Dich mir
auf immer entrisse. I... hat mir so eben gesagt, dass Du, ehe Du nach M...
zurückkehrst, erst nach ... gehen würdest: er vermutete nicht, wie
wehe er mir mit dieser Nachricht tat. Ach! wie sehr mache ich es mir zum
Vorwurf, dass ich durch eine übertriebene Reizbarkeit, köstliche
Augenblicke entschlüpfen ließ, welche ich in jener Zeit, wo ich Dich
ohne Hindernis sehen konnte, hätte benutzen sollen! Eitle Reue über
unverbesserliche Fehler! sie dient nur zur Vergrößerung meines
Unglücks. Nimm diese langen Klagen nicht übel; ein einziger Gedanken
beschäftigt mich, ich vergesse mich, ich lasse mich hinreißen, und
ich habe mich diesen Schriftzügen kaum entreißen können, welche
Deine schönen Augen betrachten werden. Lebe wohl Alma, lebe wohl; ich
liebe Dich von ganzer Seele, und wie auch die Zukunft sich gestalten möge,
welche mir dies Gefühl bereitete, es wird so lange dauern wie ich selbst.
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