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Meine Alma, meine Vielgeliebte, Du hast mich also nicht vergessen! und an dem
Tage gerade, wo ich Dir einen sehr traurigen Brief schrieb, richtetest Du den
an mich, welchen ich so eben mit einer zu lebhaft gefühlten
Überraschung und Freude empfing, um sie Dir ausdrücken zu
können. Tausend Gedanken drängen sich in meinem Geiste, ich
möchte sie Dir gern alle auf einmal mitteilen, und meine Ungeduld ist so
groß, dass selbst der Gedanke an die Zeit, welche zwischen dem Augenblick
verstießen wird, wo ich Dir schreibe, und dem, in welchem Du mich liest,
mich stört und unruhig macht? Wie glücklich bist Du, Alma, von jener
schmerzhaften Begeisterung des Gefühls frei zu sein, die Du jeder Seele
einstößt, welche würdig ist, Dich zu verstehen. Wenn Du meinen
letzten Brief erhalten hast, so weißt Du, weshalb ich aufgehört
hatte, Dir zu schreiben; man hatte mich für ganz gewiss versichert, dass
Du in sehr engen Beziehungen zu S... V... ständest, und ihn heiraten
würdest. Ich vermutete, dass Dir unter diesen Umständen meine Briefe
lästig sein würden, und musste daher schweigen; ich habe doppelt
dabei gelitten: einmal, weil ich glaubte, dass ein solches Bündnis Dir
kein Glück versprechen könnte, und dann, weil es Deine Freiheit
vernichtete; und dadurch unsern Gefühlen ein unübersteigliches
Hindernis in den Weg legte. Als ich die Nachricht von Deiner beabsichtigten
Verbindung mit S... V... erhielt, wurde ich davon gleichsam vernichtet, bis zu
dem Tage, wo der Anblick der von Dir geschriebenen Zeilen mich wieder in's
Leben rief. Ich muss Dir jetzt gestehen, dass die Gerüchte boshafter
Menschen gegen meinen Willen einen gewissen Einfluss auf meinen Verstand
äußerten. Indessen empörte sich jedesmal, wenn ich mich davon
hinreißen ließ, mein Herz dagegen, und machte mir Vorwürfe
darüber. Demnach, meine angebetete Alma, ist mein Betragen gegen Dich
vielleicht nicht so gewesen, als es hätte sein sollen; aber wenn Du an
alle Ursachen denkst, welche meinen Geist irre leiteten, so wirst Du mich zu
entschuldigen finden. Ich habe Dich hier nur während Augenblicke, die Du
Deinen Beschäftigungen und Deinen Pflichten nur selten entzogst, im
vertrauten Umgänge gesehen. In diesen kurzen Momenten ließ mir die
Trunkenheit des Glücks, welche mir der Anblick Deiner Reize gewährte,
und die Unruhe, diese einzeln gezählte Minuten so schnell entfliehen zu
sehen, kaum Zeit, mit Dir einige Worte zu wechseln, in welchen der Kampf der
Gedanken den Ausdruck erstickte; so habe ich es denn vernachlässigt, mich
von Gegenständen zu unterrichten, deren ganze Kenntnis mir vielen Kummer
und ungerechte Vermutungen erspart haben würde. Das Engagement, einige
Urlaubsmonate in Neapel zuzubringen, welches Du angenommen hast, entfernt Dich
weit, sehr weit von mir, denn ich habe die Erlaubnis, nicht wieder nach ....
zurückzukehren, nur unter der Bedingung erhalten, in .... zu bleiben; ich
habe daher keine Hoffnung Paris wieder zu sehen; den einzigen Ort, an welchem
ich zu leben sehnlich wünsche, so lange Du dort so gestellt bist, wie Du
mir sagst; aber mein trauriges Geschick versagt mir entschieden diese Freude.
Sei glücklich, meine angebetete Freundin, das ist mein aufrichtigster
Wunsch, der so frei von aller Selbstsucht ist, dass, wenn ich Dich um den Preis
eines einzigen Augenblicks der Reue von Deiner Seite besitzen könnte, ich
darauf verzichten würde. Sei glücklich für uns beide! Die Natur
hat Dich mit allen ihren Gaben ausgestattet, und Du weißt Vorteil daraus
zu ziehen; ich für meinen Teil verstehe nur Dich zu lieben und zu leiden.
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