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Meine liebe Alma, ich habe heute den Brief erhalten, welcher mir die Nachricht
von Deinem dreijährigen Engagement in Paris bringt; ich glaube, dass dies
die Hauptstadt ist, wo man am besten das Verdienst Deines Talentes zu
schätzen wissen wird; daher finde ich, obgleich dieses Engagement für
mich ein tödlicher Schlag ist, weil es mir die Hoffnung raubt Dich wieder
zu sehen, doch einen einzigen und großen Trost in der Gewissheit, dass Du
Dich dort der glänzendsten Lage erfreuen wirst, und stets habe ich Dein
Glück, selbst wenn es sein müsste, auf Kosten des meinigen
gewünscht. Das Vertrauen, welches Du mir zeigst, hat mich tief
gerührt; die aufrichtigste Freundschaft, welche ich von jeder
persönlichen Nebenabsicht zu befreien mich bemühen werde, wird mein
Betragen und meine Rathschläge leiten. Du wirst in der Stadt leben, wo man
Deiner Überlegenheit als Künstlerin und als die liebenswürdigste
der Frauen würdigere Huldigungen darbringen wird, als an irgend einem
anderen Orte; aber Paris ist auch der Ort, wo man am wenigsten den Wert der
freimütigen Güte Deines Charakters erkennen, und nur zu sehr
angereizt werden wird, ihn zu missbrauchen. Dort vor Allem (mit fast nur
einigen seltenen Ausnahmen) haben die geselligen Beziehungen nur Eigennutz und
Eitelkeit zur Grundlage; traue dem Wohlwollen nicht, mit welchem man dort
scheinbar so verschwenderisch ist. Meine angebetete Alma, Du kennst mich
hinreichend um nicht zu glauben, dass es eine mystische Überspannung sei,
welche mir das eingibt, was ich Dir sagen werde; teure Freundin, man kann das
Schicksal, welches alle meine Seelenkräfte um einen einzigen Punkt
versammelt, indem es mich durch eine Liebe an Dich fesselt, deren
hinreißende Gewalt kein Ausdruck wiederzugeben vermag, keinem eitlen
Zufalle zuschreiben! Beglückter Liebling des Himmels, Du die alle
Eigenschaften, welche die menschliche Natur besitzen kann in sich vereinigt,
Dich behütet ohne Zweifel eine besondere göttliche Güte, und
lenkt den Lauf der Dinge sowohl, als die Herzen derjenigen, welche sie zu
Deinem Dienste auserwählt hat, zu Deinen Gunsten! Dich zu lieben, bin ich
vom Schicksal ausersehen; so erklärt meine Vernunft die aufopfernde,
beständige und treue Leidenschaft, welche alle meine Gedanken belebt, alle
meine Handlungen leitet, denn lieben ohne Gegenliebe ist ein Gefühl,
welches der Mensch, wenn kein Einfluss der Vorsehung damit verknüpft ist,
nicht empfinden und unveränderlich bewahren kann, wie es mit mir der Fall
ist. Ich liebe Dich, nicht allein weil Du das bezauberndste Geschöpf bist,
welches die Erde je getragen hat, sondern auch, weil eine höhere Gewalt
mich nötigt Dich zu lieben, und mein Herz als ein Werkzeug zur
Erfüllung seiner Zwecke mit Dir zu gebrauchen scheint, bis es ihr gefallen
wird es zu brechen, wenn es Dir zu nutzen aufgehört hat; ich würde
mich daher für schuldig halten, wenn ich meine Gedanken verhehlte, um so
mehr als Du mir sagst, dass Du an meiner Aufrichtigkeit glaubst. Teure Alma, Du
bist nur mit Hülfe Deines Genies und Deinen schönen Naturgaben zu
einer glücklichen Stellung voller blendenden Glanzes gelangt. Noch
größere Erfolge erwarten Dich in Deiner Laufbahn. Die
schmeichelhafteste Gewalt, die, über die Herzen zu herrschen, ist Dir zum
Erbteil geworden. Wenig Frauen erlangen eine so glückliche, so gerecht
verdiente Stellung, und noch seltener haben sie die Kraft sich darin zu
behaupten; denn wenn mit hohen Fähigkeiten und mit einem ausgezeichneten
Glücke begabte Personen einmal in Irrtum geraten, so sind ihre Fehler eben
so groß, als ihre Triumphe es gewesen sind; so kann ich denn auch nicht
umhin, für die Zukunft meiner Alma zuweilen zu fürchten. Du wirst
über eine Freimütigkeit nicht zürnen, welche auf die
zärtlichste Anhänglichkeit gegründet ist; Du wirst erkennen,
dass ich um so mehr Deine Achtung verdiene, als ich auf die Gefahr, den
unaussprechlichen Schmerz Deines Missfallens zu erdulden, Alles tun würde,
was von mir abhinge, um Dich gegen die Wechselfälle zu verwahren, welche
Deinen schönen Tagen gefährlich werden könnten. Eine
Künstlerin wie Du, so berühmt und zugleich so wunderbar schön
zieht notwendiger Weise die dünkelhaften Hoffnungen derjenigen auf sich,
welche unter einem angenehmen Äußeren, einen unverschämten,
egoistischen Charakter und ein entartetes Herz verbergen. Deine Stellung ist in
dieser Beziehung der der Königinnen ähnlich; sie finden auch
gewöhnlich unter ihren Höflingen nur Menschen, welche mit kaltem
Blute die Mittel berechnen, sie zu betrügen. Sei daher vorsichtig Alma,
mit der Gesellschaft, welche Du empfängst und besuchst, um nicht das Opfer
irgend eines verächtlichen Menschen zu werden, welcher Dich um die
zahlreichen Vorteile bringen würde, in deren Besitz Du bist. Nur
mittelmäßigen Künstlerinnen ist es erlaubt jeder beliebigen
Lebensweise zu folgen; man gibt in dieser Beziehung nicht Acht auf sie; aber an
alle Handlungen einer Person von außerordentlichem Verdienste macht man
die äußersten Ansprüche, und wenn Du Dir eine Blöße
geben solltest, so würdest Du Dich demütigenden Angriffen aussetzen.
Übrigens erwirbt eine vollkommene Künstlerin einen Reiz mehr und
bereitet sich unberechenbare Vorteile, wenn sie sich in ihrem Hause ebenso
unumschränkt erhält, als sie es auf der Bühne ist. Sie ehrt
diejenigen, denen sie das Recht einräumt, sich ihr zu nähern, aber
ein einziger kalter Blick muss hinreichen, den Mann zu entfernen, welcher sich
anmaßen würde, sie zu beherrschen; sie bedarf keines
Beschützers; die Höhe ihres Talents beschützt am edelsten;
traurig wäre die Laufbahn derjenigen, welche die Torheit beginge, sich in
die Lage zu versetzen, vor den Willen irgend Jemandes zittern zu müssen.
Meine Alma, Dein süßes Lächeln verbreitet Glück um Dich;
bewahre es Dir rein, unwandelbar; lasse es nicht verschwinden; gib Dir keinen
Herrn unter keiner Benennung. Die Beharrlichkeit und die dringenden
Vorschläge des ... werden wie ich hoffe von Dir mit einer klugen
Festigkeit abgewiesen werden; möge es Dir nicht an jener Kraft des
Widerstandes fehlen, der unerlässlichen Bürgschaft der
Glückseligkeit, deren Du genießest! Ich muss über diesen
wichtigen Gegenstand auf einige Einzelheiten eingehen; der Verstand meiner Alma
fühlt keine Abneigung vor ernsthaften Betrachtungen. Ich sage Dir daher,
dass in Frankreich, wo einige erhabene und glühende Geister allen
Vorurteilen den Krieg erklärt haben, die Massen hingegen tief davon
durchdrungen sind, und sich nur davon losmachen können, um in
Übertreibungen zu verfallen, die denen, welche sie abschwören,
entgegengesetzt sind; auch gibt es, trotz der sprichwörtlichen Galanterie
ihrer Sitten, kein Land in Europa, wo die Menschen aller Stände sich so
sehr berechtigt glauben, sich als die unumschränkten Herren des Schicksals
ihrer Frauen zu betrachten; dies erhält bei ihnen das ungerechte Gesetz
aufrecht, welches nicht nur die Ehescheidung verbietet, sondern sogar die
Trennung schwierig macht, lind in allen Fällen das Vermögen der Frau
unter der Vormundschaft, und ihr Betragen unter der Aufsicht des Mannes
lässt. Gehe ein solches Bündnis nicht in Frankreich ein, und wenn Du
Dich eines Tages zu dem Entschluss verleiten lassen solltest, Deine Freiheit
aufzugeben, so triff Deine Wahl unter Deinen Landsleuten; sie haben weder die
gehässigen und eifersüchtigen Leidenschaften der Männer des
Südens, noch den Stolz und die rohen Sitten der Nordländer; so lange
aber, als Du Künstlerin bleiben willst, weise das Vorhaben Dich zu
verheiraten von Dir. Die Einsetzung des Ehestandes, in Hinsicht auf Ordnung
für den gemeinen Mann und als Nutzen für den Schwachen aufgefasst,
kann nur selten (so wie sie eingerichtet ist) den höheren Wesen zusagen,
und wenngleich man sie mit einem religiösen Heiligenschein umgibt, so
verdunkeln der unvermeidliche Zwang und die gemeine Enttäuschung, welche
sie begleiten, doch alle Reize der poetischen Schönheit. Daher wirst Du in
der Kunst, der Du Dich geweiht, eben so sehr als himmlische Jungfrau wie als
entzückende Bayadere, aus Deiner zauberischen Sphäre herabsteigen,
wenn Du Deine geniale Stirn mit der bräutlichen Krone belastest. Du bist
eine wahre Künstlerin, im höchsten Sinne des Worts; andere sind
größtenteils nur Handwerkerinnen, welche die Kunst nach ihrer
größeren oder geringeren Geschicklichkeit ausbeuten, ohne die Macht
zu haben, sich über die Grenzen einer alltäglichen Überlegenheit
zu erheben. Dir, meiner angebeteten Alma, ist es gegeben, sie zu
übertreten; Dir, die allein durch ein seltenes und unaussprechliches
Zusammentreffen der Gaben der Natur mit dem lieblichsten Talente, die
Begeisterung des Genies, eine göttliche Schönheit, und eine sanfte,
edle, unabhängige Seele vereint. Der Himmel behüte Dich davor, den
geringsten Angriff auf das zu wagen, was Dich unvergleichlich macht! Bewahre,
meine Geliebte, Deine Freiheit so lange als möglich; eile fröhlich
von Erfolg zu Erfolg in diesem schönen Paris! Lass Dich von Niemanden
beherrschen; vermeide es besonders bei denen, welche zu Deiner nächsten
Umgebung gehören, oder einige Rechte auf Dich haben, denn gerade die sind
es, welche sich am ersten hinreißen lassen, sie zu missbrauchen. Man muss
es niemals erlauben, dass irgend Jemand sich daran gewöhne, die
Gunstbezeigungen, welche wir ihm gestatten, als eine Pflicht von unserer Seite
zu betrachten, und man muss die Grenzen der wahren Pflichten sehr klüglich
bezeichnen. Bewahre diesen Brief, meine Geliebte. Wenn Du ihn einst wieder
ließest, so hoffe ich, dass Du Dir sagen wirst: Es war ein wahrer Freund,
der mir so geschrieben hat! Gott beschütze Dich in allen Dingen! er
bewahre Dich glücklich und unabhängig, denn eine vernünftige
Freiheit ist das größte aller Güter; ich kenne nur eins, dass
ich ihm vorziehen würde: es ist, das Herz Alma's zu besitzen? um diesen
Preis möchte ich darin willigen, ein Sklave zu sein, aber auf der ganzen
Welt nur der Deinige; das würde eine sehr süße und geliebte
Sklaverei sein.
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